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Meinungen über die Meinung

Meinungen - Meinung

Olga hat keine Meinung. Sollen wir ins Kino gehen oder lieber zum Kegeln? Olga kann das nicht sagen. Olga, möchtest du Fisch essen oder Fleisch? Olga schweigt. Das ist für die anderen, die mit ihr zu tun haben, nicht angenehm. Denn sie müssen entweder raten, was Olga gefallen könnte, oder sie nicht beachten und über ihren Kopf hinweg entscheiden.

Fast jeder kennt in seinem Bekanntenkreis solch eine graue Maus, die ihre Meinungen nicht äußern möchte oder gar keine freien und starken Meinungen hat. Wer meinungsfreudig ist, ist zumeist beliebter. Mit ihm muss man sich zwar in Diskussionen auseinandersetzen, aber dafür wird es nicht langweilig.

Keine Meinung, kein Interesse?

„Hast du dazu etwa keine Meinung?“ Diesen Vorwurf hört niemand gern, denn es ist ein Zeichen von Unselbständigkeit oder Desinteresse, keine eigenen Ansichten zu einem Thema zu haben. Wer keine Meinung zu meinen Urlaubsfotos hat, den scheinen sie nicht zu interessieren. Viele Menschen geraten auf diese Weise zu Unrecht in den Verdacht, überheblich zu sein. In Wirklichkeit haben sie nie gelernt, etwas zu beurteilen und eine eigene Position zu beziehen.

Es ist nämlich Mut erforderlich, um seine eigene Meinung seriös zu vertreten. Denjenigen, die stets eine Haltung haben, ohne sich darum bemühen zu müssen, ist dies nicht klar. Doch wer seine freie Meinung äußert, macht sich angreifbar und schafft sich vielleicht sogar Gegner. Für manche Menschen ist das unerträglich, daher schweigen sie lieber.

Ich weiß, dass ich nichts weiß – meinen kann ich aber viel

Diese Menschen haben es schwer, denn in unserer Gesellschaft ist Meinung so ein hohes Gut, dass sogar das Grundgesetz sie schützt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung […] frei zu äußern.“ Es scheint sogar eine Pflicht zu sein, und einige Menschen müssen zwanghaft zu allen Themen ihre Ansichten kundtun. Frank zum Beispiel sagt jedem seine Meinung seriös, schonungslos und direkt, ganz gleich, worum es geht. Da ist selbst die farblose Olga angenehmer.

Denn eine Meinung ist kein Wissen. Wer sie hat, meint zwar oft, sich einer Sache sicher zu sein. Doch nur die Wissenschaft gelangt zu präzisen Kenntnissen. Auch sie muss sie aber immer wieder revidieren und korrigieren. Ist es weit bis zum nächsten Supermarkt? Olga weiß das nicht. Frank sagt: „Nein, es ist ganz nah!“ Natürlich ist sich Frank ganz sicher. Aber es ist nur seine Meinung, denn nur eine exakte Meterangabe wäre eine Tatsache, und auch über die könnte noch diskutiert werden: Wie ist denn der kürzeste Weg definiert? Zählt es, wenn die Straße schräg überquert wird?

Dazu kann es also abweichende Meinungen geben. Falsche Meinungen gibt es aber nicht, gerade weil sie ja nur eine subjektive Sichtweise widerspiegeln. Daher ist es schade, wenn jemand festgefahrene Meinungen hat und sich von ihnen keinen Schritt abbringen lässt. Denn nur wer seine Ansichten überprüft, lernt dazu. Andererseits besteht die Gefahr der Beeinflussung und der Meinungsmache. Nur naive Menschen weichen immer wieder schnell von ihrer Meinung ab.

Meinungen sind also ein schwieriges Thema. Daher sind Meinungsumfragen ja auch so wertvoll für Unternehmen, Interessengruppen und die Politik. Teilnehmen kann an ihnen jeder, denn alle Meinungen sind gleich viel wert. Nur für Olga ist das eher nichts ...

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